Mythologisches

Im Buchenwald liegt der Ursprung mitteleuropäischer Mythologie, von Sagen und Märchen.

„Im Verhältnis des Menschen zur Natur hatten Bäume und Haine schon immer eine besondere Bedeutung. Bäume sind die ältesten, Bäume sind die mächtigsten Lebewesen auf unserer Erde. Als Zeitgenossen verschollener Jahrhunderte ragen sie in unsere Gegenwart, bewegte, bewegende Monumente, handgreiflich nah und merkwürdig entrückt in einem. In seinem Wachstum, seiner aufrechten Gestalt war der Baum immer Gleichnis, in seiner Generationen überdauernden Gelassenheit, seinem Übermaß immer auch Gegenpol unseres vergleichsweise flüchtigen Daseins. Erdverwurzelt, lichtspendend, immergrün und immer wieder austreibend, Spender von Bauholz, Feuerholz, Werkholz, Waffenholz, von Laub, Rinde, Früchten und Saft ist der Baum zum Sinnbild des Lebens und der Lebenskraft selbst geworden.“1

Im Bewusstsein der Menschen ging es aber nicht um den Baum selbst, er wurde immer als Erscheinung für ein höheres Wesen, eine unsichtbare Macht, als Symbol ihres Glaubens verehrt. Buchenhaine waren Refugien des Glaubens. So berichtet Tacitus in seiner Germania von einer germanischen „…Eigentümlichkeit, auch auf Weissagungen und Mahnungen von Pferden zu achten. Auf Stammeskosten hält man in den bereits erwähnten Hainen und Lichtungen schneeweiße Rosse, die durch keinen profanen Dienst entweiht werden.“ Dem Verhalten der Pferde wurde vom einfachen Volk und den Vornehmen und Priestern größtes Vertrauen entgegengebracht.

Im Wort Baumfrevel hallt das Bewusstsein nach, dass ein Baum mehr als ein Gegenstand mit messbarem Schätzwert, dass er ein Lebewesen höherer Art ist. Eine Steinsäule an der alten Landstraße zwischen Heidelberg und Mosbach, Jahreszahl 1819, warnt die Allee-Gänger „Die Baumbeschädigung ist bei Leibesstrafe verboten“, und eine andere Säule am Weg von Hüffenhardt nach Siegelsheim im Kraichgau trägt die Inschrift: „Wer einen Baum beschädigt, wird scharf bestraft.“ Aktuelles Zeugnis dieser besonderen Wirkung von Bäumen sind die Vorgänge um das Projekt Stuttgart 21. Die Volksseele kochte endgültig hoch, als die Projektträger die wunderschönen alten Bäume im Stadtpark fällten.
Bei vielen Völkern gab es Baumkulte, und zahlreiche Wallfahrtsstätten finden sich noch heute an Orten eines früheren Baumkults. Die Kirche ging bei der Christianisierung der Germanen tolerant und geschickt vor. Die Anweisungen Papst Gregor I: „Wohl sind die Götzenbilder zu vernichten, nicht aber die Tempel und Stätten der Götzenverehrung.“ Das ließ den Germanen liebgewordene Gebräuche und Anschauungen, und so konnten inmitten ihrer Heiligen Heine, ihren vorchristlichen Opferstätten, christliche Kirchen entstehen.

Die Hallen-Buchenwälder ähneln einer natürlichen Tempelhalle mit Spitzbogengewölben und feierlichem Halbdunkel. Goethe vergleicht die Architektur des Straßburger Münster mit einem „hocherhabenen, weitverbreiteten Baum Gottes“, der Buche. Der erhabene, feierliche Eindruck, den ein Buchenwald mit seinen schlanken und glatten, silbergrauen, bis weit hinauf astlosen mächtigen Stämmen vermittelt, ruft eine religiöse Ehrfurcht wach. So ist er vermutlich Vorbild gotischer Formen und Sinnbild der Orientierung mittelalterlicher Menschen an natürlichen Erscheinungen. Der Volksmund nennt die gemeinschaftlich zum Licht strebenden, natürliche Gewölbe bildenden Buchenformationen „Heilige Hallen“. Die Maler Menzel und Liebermann hielten die Heiligen Hallen von Bad Kösen im Bild fest. Darin wurden in alter Zeit unter freiem Himmel Gottesdienste abgehalten. Im 19. Jahrhundert wurde der Wald zu einem sakralen Raum und die Kirche fand in die Wald-Natur zurück.

Im keltischen Baumkalender besetzt die Buche am 22. Dezember den Tag der Wintersonnenwende.

Imposante Baumgestalten bekamen immer wieder Namen wie Gerichtsbuche, Tanzbuche, Kaiserbuche, Liebesbuche, Königsbuche, Frühstücksbuche, Marienbuche, Kreuzbuche und andere.