Das Symbol

Die Buche – der Baum der Deutschen?

Eigentlich ist die Buche der „Baum der Deutschen“. Aber eben nur eigentlich. Im Bewusstsein der Nation ist es eher die Eiche.

Und das kam so: Die Deutschen suchten nach ihrer Identität, waren inspiriert vom geistigen Einfluss der Französischen Revolution, fühlten sich bestärkt in ihrem Streben nach Freiheit. Gestalten des Waldes wie Hermann der Cherusker oder „Die Räuber“ von Schiller wurden zu Hauptfiguren der Dichtung. Die Handelnden in den Märchen, die von den Brüdern Grimm akribisch gesammelt wurden, erregten die Gemüter, wurden verinnerlicht. Die Aufmerksamkeit galt der mythischen Bedeutung der Bäume, besonders der von Eichen, Buchen und Linden. Unter einzelnen Bäumen oder unter Gruppen von Bäumen, im Wald, das hatte sich ins Gedächtnis des Volkes eingegraben, befanden sich vor Zeiten die Thingstätten. Hier kamen die Menschen zusammen, berieten sich und hielten Gericht. Der „christliche Akt“ des Missionars Bonifazius, der die heilige Eiche des germanischen Gottes Thor fällte, ist ein Beispiel dafür.

Die deutschen Dichter dieser Zeit liebten die Eiche. Das wohl auch, weil es in der Umwelt des 18. Jahrhunderts nur wenige alte Linden und Buchen gab. Stattdessen vor allem knorrige Eichen, die vielerorts geschont wurden. Das hatten sie der Eichelmast zu verdanken. Aber auch das Holz wurde als Bauholz hoch geschätzt. Solche Bäume konnten das Symbol der „überkommenen“ Natur sein, in der man den Vorfahren, ihrer Freiheit und Stärke, sowie der eigenen Identität am nächsten war.
Und so wandeln die Germanen in Klopstocks Ode „Der Hügel und der Hain. Ein Poet, ein Dichter, und ein Barde singen.“ (1767) unter tausendjährigen Eichen, ihre glühende Stirn wird von Eichenlaub beschattet, und der Barde lehnt seine Leier an einen Eichenspross. Klopstock vergleicht in „Hermanns Schlacht“ (1769) das Vaterland mit „der dicksten, stattlichsten Eiche, im innersten Hain, der höchsten, ältesten, heiligsten Eiche“ und schrieb 1774 „Die Eiche war bei unseren Vorfahren mehr als etwas Symbolisches, sie war ein geheiligter Baum, unter dessen Schatten die Götter am liebsten ausruhten.“

Diese schwärmerische Verehrung der Eiche erfasste die Menschen und geschah zu einer Zeit, als die Eiche ihre Funktion in der Kulturlandschaft verloren hatte, ihr mythologischer Wert aber stieg.

Die revolutionäre Entwicklung in Frankreich trug ebenfalls dazu bei. Hier pflanzte man aus Dankbarkeit für die gewonnenen Freiheiten Eichen als Freiheitsbäume. 1792 sollen es 60.000 Eichen gewesen sein. Auch in Deutschland setzte man solche Bäume, besonders im Westen des Landes (Pfalz, Westfalen), das damals unter französischem Einfluss stand. Doch bekam die Eiche als Freiheitsbaum in Deutschland eine sehr deutsche Bedeutung. Sie wurde Sinnbild der nationalen Identität und ein Symbol für die Auflehnung gegen die französisch-napoleonische Unterdrückung. Nach dem Sieg über Napoleons Heer stiftete der Preußen-König Friedrich Wilhelm III. 1813 neue Kriegsauszeichnungen. Der für alle Dienstgrade gestiftete Orden, das Eiserne Kreuz, wurde jetzt als besondere Auszeichnung mit Eichenlaub verliehen.

Somit war es besiegelt: „Die Eiche ist der Baum der Deutschen.“ Durchaus auch ein außenpolitscher Machtanspruch, denn die Eiche war in Großbritannien und Frankreich ebenfalls DER nationale Baum.

Die durch die Buche geschaffene Identität hat einen anderen Charakter. Gewiss, auch die einzelne Buche hat einen spirituellen Einfluss auf die Menschen, wie er generell von imposanten Bäumen ausgeht.
Die Buche findet sich auch in volkstümlichen Liedern wieder. Der Romantiker Josef Freiherr von Eichendorff dichtete 1823 (Melodie Jost W. Lyra):

„Durch Feld und Buchenhallen
bald singend, bald fröhlich still,
recht lustig sei vor allem
wer’s Reisen wählen will!“

Und in Herbert Roths Rennsteiglied (Text Karl Müller) heißt es:

„Durch Buchen, Fichten, Tannen –
so schreit ich durch den Tag,
begegne vielen Freunden,
die sind von meinem Schlag.“
Die Buche war insofern nichts Besonderes, als sie selbstverständlich und allgegenwärtig war. Ihre Gemeinschaft, die Buchenwälder, hatte eine hohe Wirkung auf den Menschen, sie spielte eine entscheidende Rolle in ihrem Alltag. Mit den Buchenwäldern verband sich Heimat, sie gehörten zur Geschichte und Kultur der Menschen und bedurften dafür keiner besonderen nationalen Bestätigung.

In der Gedenkmünzen-Reihe „Deutscher Wald“ wurde 2011 eine 20-Euro-Goldmünze mit dem Motiv Buche herausgegeben, was mit der Aufnahme deutscher Buchenwälder in das UNESCO-Weltnaturerbe glücklich zusammentraf. Aber auch hier ist die Buche nur Zweite. 2010 wurde als erste Gedenkmünze in dieser Reihe eine 20-Euro-Goldmünze mit dem Motiv Eiche geprägt.

Die Buche hatte es schon einmal geschafft, auf einem deutschen Zahlungsmittel zu erscheinen. Die 20-DM-Note, die 1989 aufgelegt wurde und bis zur Einführung des Euro im Jahr 2002 Gültigkeit behielt, war Annette von Droste-Hülshoff und ihrem literarischen Werk „Die Judenbuche“ gewidmet. Die Banknote zeigte auf der Vorderseite das Porträt der Schriftstellerin. Auf der Rückseite ist eine Schreibfeder zu sehen und eine Buche in Erinnerung an die Novelle „Die Judenbuche“.
„Die Judenbuche – Ein Sittengemälde aus dem gebirgichten Westfalen“ (1842) ist Milieustudie und Kriminalgeschichte zugleich. Im Mittelpunkt ein Verbrechen, das in einem entlegenen westfälischen Dorf in einem deutschen Kleinstaat des 18. Jahrhunderts geschieht. Die Handlung der Novelle versetzt in die Nähe einer Buche, die zum Symbol des Unheils wird. Der Jude Aaron wird unter dieser Buche ermordet aufgefunden. Die Juden des Dorfes kaufen diese Buche und ritzen mit hebräischen Schriftzeichen in ihre Rinde: „Wenn du dich diesem Orte nahest, so wird es dir ergehen, wie du mir getan hast.“ Die Buche wird fortan von den Dorfbewohnern Judenbuche genannt.

Einen Ort gibt es, den keine dichterische Phantasie erfunden hat, der sich jeder Schreckensbeschreibung entzieht: Es ist Buchenwald. Auf dem mit Buchen bewaldeten Ettersberg bei Weimar errichteten die deutschen Faschisten das „Konzentrationslager Buchenwald“. Hier wurde zwischen 1937 und 1945 eine Viertelmillion Menschen inhaftiert. Etwa 56.000 fanden den Tod, darunter 11.000 Juden. Dieses „Buchenwald“ ist in das Gedächtnis der Menschheit als Ort des Schreckens und Verbrechens eingegangen, aber auch als Ort der Befreiung. Unter Deckung der sich nähernden 3. Amerikanische Armee organisierte die illegale Lagerleitung des Konzentrationslagers den bewaffneten Widerstand, der am 12. April 1945 zur Selbstbefreiung führte.
Der Bildhauer Fritz Cremer schuf für die „Nationale Mahn- und Gedenkstätte Buchenwald“ ein beeindruckendes Figurenensemble.